Ambiguitätstoleranz

Bis vor der Corona-Pandemie kannte ich das Wort gar nicht. Ambiguitätstoleranz, den Begriff hat Else Frenkel-Brunswik 1949 geprägt.

Aus dem Lateinischen kommend -> ambiguitas „Mehrdeutigkeit“, „Doppelsinn“ und tolerare „erdulden“, „ertragen“

 

 

Man könnte es vielleicht mit Ungewissheit- oder Unsicherheitstolerenz besser übersetzen. Es beschreibt die Fähigkeit, Widersprüche, Vagheiten und fremde Sichtweisen auszuhalten ohne das es eskaliert.

 

 

Folgende zwei Sätze habe ich aus Wikipedia kopiert:

 

 

„Ungewissheitstoleranz ist die Fähigkeit, mehrdeutige Situationen und widersprüchliche Handlungsweisen zu ertragen. Ambiguitätstolerante Personen sind in der Lage, Ambiguitäten, also Widersprüchlichkeiten, kulturell bedingte Unterschiede oder mehrdeutige Informationen, die schwer verständlich oder sogar inakzeptabel erscheinen, wahrzunehmen, ohne darauf aggressiv zu reagieren oder diese einseitig negativ oder – häufig bei kulturell bedingten Unterschieden – vorbehaltlos positiv zu bewerten.“

 

 

Womit hat diese Toleranz zu tun ? Bei mir ist es ganz klar der pragmatische Ansatz, das, was ich nicht ändern kann, nehme ich so hin. Ich bin keine Wissenschaftlerin, um mir Ursache und Wirkung einer Pandemie zu erklären oder gar zu sagen, was in der Situation zu tun ist. Und zwar richtig oder falsch zu tun ist. Ebenso wenig verfüge ich über das Hintergrundwissen, die getroffenen Entscheidungen infrage zu stellen. Nur einfach weil sie mir nicht passen zu sagen, dass sie falsch sind, ist zu simpel.

 

 

Dennoch bin ich kein Ja-Sager. Ich mache mir über sehr viele Dinge sehr viele Gedanken. Aber Aufregung über etwas, was ich nicht ändern kann, halte ich für sinnlos. Noch schlimmer, dafür, dass mir etwas missfällt auf die Straße zu gehen, obwohl ich kein anderes Konzept habe, halte ich einfach nur für dumm.

 

 

Nur weil ich etwas nicht verstehe, ist es noch lange nicht falsch.

 

Der, der mich kennt, weiß auch, dass ich sehr viel hinterfrage, aber nur wenn ich Hoffnung habe, eine Antwort zu erhalten, die ich auch verstehen und nachvollziehen kann. Sei es wissenschaftlich oder menschlich.

 

Ebensowenig bin ich auch keine Art von Märtyrerin. Das Du mich nicht falsch verstehst. Ich leide nicht darunter, dass ich Dinge hinnehme. Auf meine eigene Leidensfähigkeit passe ich schon auf.

 

 

Mehrdeutige Informationen zu verarbeiten fällt uns allen schwer. Wir ticken so, dass wir immer Erklärungen brauchen, klar und deutlich. Alles darf und muss hinterfragt werden, man braucht Aussagen, die nachvollziehbar sind. Nur vergessen wir dabei, dass das oftmals nicht geht. Im Großen, Globalen übertragen hat uns das die Corona-Pandemie gelehrt. Aber wenn Du mal genauer hinschaust, dann siehst Du es auch im Kleinen, Privaten. Da gibt es die Leute, bei denen Ausländer per se erstmal gefährlich und verschlagen sind, oder die Flüchtlinge, die sich auf unsere Kosten bereichern wollen. Oder die lieben Mitmenschen, die mich nie verstehen wollen. Die meine Freundlichkeit immer ausnutzen, nie ein nettes Wort für mich haben. Das sind genau diese Widersprüche, die wir nicht erklären können, oder wollen. Denn im privaten Umfeld könnte man sie oft hinterfragen. Dazu müsste man sich selbst aber reflektieren und ertragen, was dabei ans Licht kommt. Im Laufe meines bisherigen Lebens bin ich mit vielen Menschen zusammen gekommen und nur sehr wenige haben die Gabe, in sich zu ruhen. Die Gabe, den anderen als das zu nehmen, was er ist, nämlich anders. Ohne das ich weiß warum und auch ohne das mich das etwas angehen könnte.

Vieles, was wir nicht verstehen, macht uns Angst.

 

 

Warum ? Weil uns bewusst wird, wie schwach wir sind, wie wenig wir ändern können, wie wenig anderen an unserer Meinung liegt.

 

 

Die Pandemie-Zeit hat von uns allen viel abverlangt, von dem einen mehr, von dem anderen weniger, doch vor allem hat sie unsere Toleranz auf die Probe gestellt. Ob ich es nun Ambiguitätstoleranz nenne oder nicht, ist egal.

 

 

Um besser, zufriedener, erfüllter durch das Leben zu gehen, müssen wir uns öffnen und bereit sein für Neues, auch wenn wir es nicht sofort verstehen, ja, auch wenn wir es vielleicht nie verstehen., ja, auch wenn wir es vielleicht nie verstehen.

 

Toleranz ist der Atem der Welt und hat nichts mit Duckmäusertum zu tun.

Mai 2021