Der Schmerz

Er fährt durch alle Glieder. Er ist so erbarmungslos, er kennt keine Gnade. Er durchbricht alle Grenzen, hat keine Hemmschwelle, kennt kein Pardon.


Dieses nagende, brennende, verzehrende Gefühl der Ohnmacht. Nichts hilft, keine Möglichkeit ihm zu entkommen, nicht stehen, sitzen, liegen.

Er ist immer da, immer präsent. Allgegenwärtig. Verdrängen, Vergessen - vergeblich.


Die banale Frage nach dem Warum schwirrt einem ständig im Hinterkopf herum. Warum ich ? Was hab ich getan ? Welch hohe Strafe für welche Schuld ? Ist Schmerz das Aufwiegen einer Schuld ?


Denken läuft nicht mehr rational ab, man wird unlogisch, unwirsch und ungerecht. Schmerz macht bitter und mürbe. Schmerz zehrt sämtliche Kräfte auf und verbraucht einen völlig. Gedanken können sich nicht mehr lösen, haben kein neues Ziel, finden keinen Weg heraus, aus diesem schier endlosen, elenden Kreis der Pein.


Keiner kann helfen, niemand kann verstehen. Mitleid verhöhnt das Ganze, niemand ist zum Mitleiden fähig, der nicht selbst den Hades des Schmerzes durchquert hat. Man watet in tiefen, dickflüssigen, zehrenden, klebenden, saugenden, dunklen Fluten und sucht nach dem Weg, der bekanntlich das Ziel sein soll.

Der Weg ist so finster, so traurig, so angsterfüllt, so dornenreich, so unmenschlich, so einsam.


Der Schmerz greift nicht nur den Körper an, sondern deformiert die Seele, sie verkümmert, sie verzehrt sich in der Gewissheit, nicht helfen zu können.
Der Schmerz prägt einen Menschen, er verändert ihn völlig, formt ihn neu, lehrt ihn neu, das Leben zu lieben in jenen selten Stunden, Minuten seiner Abwesenheit.

Winter 2001/2002