Entscheidungen

Angst, Rückgrat, Verantwortung - Entscheidungen

 

In der heutigen Zeit ist es außer Mode, dass man Entscheidungen trifft.

Immer wieder stelle ich fest, dass sehr lange abgewogen wird, für und wider, ja oder nein, links oder rechts. Oftmals so lange, bis die Entscheidung überflüssig geworden ist. Die Ausstellung, die wir vielleicht besuchen wollten, läuft nicht mehr. Die Verabschiedung des Kollegen, zu der wir eventuell gehen wollten, ist vorbei. Über die Richtung beim Weg sind wir in Streit geraten und zurückgefahren. Was ist nur los mit uns? Wieso sind wir oftmals nicht in der Lage, eine Entscheidung zu treffen? Was hat uns so verunsichert?

 

Ob wir eine Ausstellung besuchen oder nicht, schadet höchstens unserer kulturellen Bildung. Der Kollege wundert sich vielleicht, dass wir nicht zu seiner Verabschiedung erschienen sind, aber was soll´s? Und ich will nicht schuld sein, wenn ich dir sage, du sollst linksherum fahren und dann verfahren wir uns.

 

Was macht es uns so schwer, einen Standpunkt zu vertreten? Wirklich die Aussicht, die Konsequenz daraus auch tragen zu müssen? Das kann ich kaum glauben. Allerdings bekomme ich genau das ganz oft widergespiegelt. Manchmal geht es schon los im Restaurant, wenn mein Gegenüber nicht weiß, was von der Karte bestellt werden soll. Manchmal ist es einfach eine Art von Faulheit, sich am Wochenende nicht aufzuraffen. Schließlich hat man doch noch so viel vor und möchte doch noch so viele Sachen sehen und so viele Dinge erleben. Wo bloß anfangen? Welche Prioritäten setzen? Das mag banal erscheinen. Doch fast immer zieht sich das durch das Leben solcher Entscheidungsmuffel durch.

 

Sie wollen keinen Standpunkt vertreten. Sie wollen nicht gefragt werden, warum sie sich so und nicht anders entschieden haben. Sie wollen keine Flagge hissten für irgendetwas. Sie wollen einfach unsichtbar sein, farblos, nicht auffallen, schön in der Masse mitschwimmen. In Ruhe gelassen werden. Schließlich ist das Leben schon hart und schlimm und böse genug.

Intellektuell und individuell sind wir natürlich dennoch.

 

Mit sich selbst nicht zurecht zu kommen, das ist es in meinen Augen. Ich traue mir selbst nichts zu, traue mir selbst nicht über den Weg. Ich traue meinen eigenen Argumenten nicht. Vielleicht traue ich auch meiner Meinung nicht. Oder vielleicht will ich mich auch einfach nicht rechtfertigen für die getroffene Entscheidung. Ich scheue die Konsequenz. Ich scheue die Verantwortung daraus. Ich scheue die Erwartungshaltung, die andere dadurch vielleicht in mich setzen könnten. Ich will ein Individuum sein, es aber auch nicht so deutlich zeigen. Natürlich habe ich eine Meinung, doch warum sollte ich diese vertreten?

 

Damit komme ich zum Lager der Entscheidungsmuffel, welches mich verzweifeln lässt. Bestes Beispiel ist und bleibt die Arbeit. Dort werden „von oben“ Entscheidungen getroffen, die ich furchtbar finde, die mich direkt betreffen, die ich überhaupt nicht nachvollziehen kann, die viel von mir abverlangen. Was tue ich dagegen? Ich meckere, ich maule, ich bin unzufrieden. Ich lästere und spucke Gift und Galle. Was tue ich allerdings nicht? Ich rede nicht mit denen, die das verzapft haben. Ich rede nicht mit denen, die etwas daran ändern könnten. Ich suche mir noch nicht mal eine Allianz, um mit mehreren Stimmen zu sprechen. Ob sich etwas ändern würde an den getroffenen Entscheidungen? Sehr wahrscheinlich nicht, denn dazu sind wohl die wenigsten Führungskräfte bereit und in der Lage. Ob ich bei so viel Feigheit und Gleichgültigkeit dann aber noch in den Spiegel schauen könnte, ohne mich zu schämen, wage ich zu bezweifeln.

Eine interessante Frage, die sich aus solch angepasstem Verhalten ergibt, ist, was lebe ich meinen Kindern damit vor? Wie sollen sie selbstständige, mutige, individuelle Menschen werden? So ganz ohne Meinungsäußerung…

 

Ein anderes krasses Beispiel ist die existenzielle Frage im Leben: gehen oder bleiben? Ein schlauer Mensch hat mal gesagt, wenn du keinen Grund mehr hast zu bleiben, ist es besser zu gehen. Solche Entscheidungen bricht man nicht übers Knie, das ist klar, aber irgendwann muss man sich dem stellen. Ist die Beziehung noch das, was ich will? Tut sie mir noch gut? Tue ich ihr noch gut? Worum geht es zwischen beiden? Was verbindet? Was trennt? Gehen oder bleiben eben. Dieser Schritt ist sehr viel mutiger als die Richtungsentscheidung bei einer Autofahrt. Dieser Schritt will gut überlegt sein. Diese Entscheidung trifft man nicht leichtfertig.

 

Bei allen Beispielen geht es darum, überhaupt eine Entscheidung zu treffen.

Eine Entscheidung, mit der ich dann leben muss. Das scheint mir der wunde Punkt zu sein.

Ich möchte so gern immer die Wahl haben, immer eine Reset-Taste, immer alle Möglichkeiten offen halten.
Unsere Entscheidungen haben Konsequenzen.

Was wir nur oft ignorieren, ist die Tatsache, dass unser Nicht-Entscheiden auch welche hat.
 

Wann sind wir so mutlos, so feige und so bequem geworden?

August 2021