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Nacht über den Wassern - Ken Follett (1991)
Gleich vorneweg, „Nacht über den Wassern“ ist Unterhaltungsliteratur auf höchstem Niveau. Es ist Pop-Korn- Kino im Kopf: spannend, glamourös und technisch faszinierend.
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Zeitlich angesiedelt ist die Handlung in den kritischen Tagen Anfang September 1939. England hat Nazi-Deutschland gerade den Krieg erklärt. Aus den unterschiedlichsten Gründen, die uns Follett nach und nach aufzeigt, haben die verschiedensten Menschen ein Interesse daran, England nun doch zu verlassen. Sie fliehen vor dem Krieg. Die Leute checken dazu als Passagiere des luxuriösen Flugboots Pan American Clipper in Southampton ein. Die Exklusivität des Flugboots war etwas für die Reichen, für die sehr Reichen. Das Flugboot war eine schwimmende und fliegende Luxusvilla.
Immer wieder erklärt uns Follett ganz selbstverständlich und nebenbei technische Details des Flugboots. Welches es tatsächlich gegeben hat. Im Sommer 1939 überquerte, der Pan American Clipper neunmal den Atlantik auf dieser nördlichsten aller Routen. Der Krieg hat eine Fortsetzung der Flüge gestoppt. Die technischen Erklärungen helfen zum Verstehen des Ablaufs an Bord, man muss sie sich aber nicht zwingend merken. Durch Folletts einfache, präzise Sprache können wir uns den Luxus an Bord gut vorstellen, wie in einem Grand Hotel. Der Boden mit Teppich ausgelegt, Seidentapeten, einen Salon, eine exquisite Küche, breite, bequeme Sessel, Schlafkojen.
Immerhin dauert der Flug – mit Zwischenstopps- 30 Stunden.
Wer von Ihnen die Bücher „Mord im Orientexpress“ oder „Tod auf dem Nil“ von Agatha Christie liebt, wird auch dieses Kammerspiel mögen, auch wenn die Handlung gänzlich anders ist.
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Gesellschaftliche Schranken werden hier an Bord aufgebrochen. Mühsam aufrecht erhaltene Fassaden bröckeln, Masken fallen.
Der Flug von der „Alten Welt“ in die „Neue Welt“ ist hochgradig symbolisch. Europa steht 1939 für den Verfall der Ordnung, für Faschismus, Verfolgung und den drohenden Tod. Amerika steht für Freiheit, Neuanfang und die Demokratie. Die Reise über den Atlantik ist somit eine Passage zwischen zwei Zeitaltern. Wer an Bord geht, lässt seine Vergangenheit zurück. Doch die Schatten dieser Vergangenheit reisen als blinde Passagiere mit…
Bei dem Bordmechaniker Eddie Deakin ist es allerdings kein Schatten der Vergangenheit, der mitreist, sondern er kommt ganz unvermittelt in eine schier aussichtslose Situation. Er erfährt kurz vor dem Start, dass seine schwangere Frau entführt wurde. Er ist außer sich vor Sorge. Man sagt, er würde während des Flugs Anweisungen erhalten. Der Passagier Tom Luther übergibt ihm an Bord dann auch tatsächlich Koordinaten, bei denen das Flugboot außerplanmäßig stoppen soll. Deakin geht davon aus, dass Gordon, ein Mafia-Gangster, befreit werden solle. Im Laufe der Geschichte wird aber klar, dass es gar nicht um den geht. Es geht um den jüdischen Atomphysiker Hartmann, der auf der Flucht vor den Nazis, mit an Bord ist. Das weiß Eddie aber noch nicht. Eddie ist tief erschüttert, macht sich die größten Sorgen um seine Frau. Hadert mit sich und seiner Ehrlichkeit, seiner Loyalität und seiner Verantwortung gegenüber den Passagieren und der Besatzung. Er, der keinerlei kriminelle Energie hat, nie auch nur einen Bleistift gestohlen hat, soll etwas so Verwerfliches tun. Er berechnet den Treibstoffverbrauch hart an der Grenze, sodass man gezwungen sein wird, vor Erreichen des Ziels Not zu wassern. Dumm nur, dass die Maschine durch einen heftigen Sturm fliegen muss und dadurch der Treibstoffverbrauch drastisch erhöht ist. Der Point of no return ist erreicht. Nun schweben alle nicht nur in einer konstruierten Gefahr, sondern in einer realen. Eddie ist außer sich vor Wut und Hilflosigkeit. Dabei stellt sich ihm - und uns - die Frage: wie weit würden wir gehen, um unsere Familie zu retten?
Der Clipper ist ein geschlossener Raum, ein Käfig. Sobald die Maschine von Southampton abhebt, sind die Passagiere den Elementen, der Technik und vor allem einander ausgeliefert.
Ein zentraler Strang der Handlung ist die Familie Oxenford. Der Patriarch verkörpert den britischen Faschismus. Lord Oxenford ist kein fiktives Extrem, sondern ein Abbild realer historischer Strömungen in der britischen Aristokratie. Er ist ein Anhänger der Britischen Union der Faschisten Für ihn ist der beginnende Krieg gegen Deutschland ein Fehler; er sieht in Hitler eher einen Verbündeten als einen Feind. Als Nazi flieht er aber vorsorglich aus England.
Diese politische Einstellung ist entscheidend für das Verhalten seiner Tochter Margret. Ihr Zuhause ist ein totalitärer Staat im Kleinen. Die Unterdrückung, die sie erfährt, ist das private Äquivalent zur politischen Tyrannei, die Europa überzieht.
Margret ist das emotionale und moralische Zentrum des Romans. Ihre Entwicklung ist die weitreichendste aller Figuren. Zu Beginn des Romans ist Margret eine junge Frau, die innerlich erstickt. Ihr Vater kontrolliert jeden ihrer Schritte. Sie hat keine eigene Stimme und findet nirgends Verständnis für ihre Wünsche. Ihre Reise nach Amerika ist eine Zwangsverschickung, um sie von „schlechten Einflüssen“ (sprich: den liberalen Gedanken) fernzuhalten. Der Flug wirkt auf Margret, wider erwartend, wie ein Befreiungsschlag. Fernab von den gesellschaftlichen Zwängen des Landadels und unter dem Einfluss von Harry Marks beginnt sie, ihre eigenen Bedürfnisse zu artikulieren.
Und überhaupt – Harry Marks…. Eine interessante, geradezu sympathische Figur eines jungen Mannes. Harry ist Gauner, Lügner, Charmeur, Opportunist und Glückskind. Wie kein anderer an Bord verkörpert er Schein und Sein sowie eine unglaubliche soziale Mobilität, so will ich es mal nennen. Er beherrscht den Akzent der Oberschicht, kennt die Etikette und trägt die richtige Kleidung. Schnell kann er vom Snob zum Gassenjungen wechseln, vom Schläger zum Wortakrobaten. Das erfahren wir in seiner Vorgeschichte. Er verfügt über Feingeist und Empathie, beides besitzt Margret auch.
Durch Harry dürfen wir uns gern die Frage stellen: Wenn ein Dieb durch bloße schauspielerische Leistung als Gentleman akzeptiert wird, braucht man dann noch den Dünkel des Adelsstands? Harry Marks entlarvt die soziale Hierarchie als ein Konstrukt aus Äußerlichkeiten. Harry wollte ursprünglich für seinen Neuanfang in Amerika die Wertgegenstände der Mitreisenden stehlen. Doch die Enge des Raums, die Diebstähle fast unmöglich macht, und die Begegnung mit Margret verändern seine Prioritäten.
In der finalen Krise, als die Entführer die Kontrolle übernehmen wollen, nutzt Harry seine „kriminellen“ Fähigkeiten – das Knacken von Schlössern, das lautlose Bewegen, das schnelle Denken unter Druck – für einen moralisch guten Zweck. Er wird zum Helden, indem er sein Alter Ego akzeptiert und gerade deshalb die „ehrenwerten“ Passagiere rettet.
Der Verbrecher Tom Luther hingegen, der mit hinter der Entführung von Eddie Deakins Ehefrau steckt, agiert aus einer Mischung aus finanzieller Gier und Kalkül. Geht es hier wirklich um den Mafioso? Geht es hier wirklich um dessen Freilassung? Nein, das hatte ich vorhin ja schon erwähnt. Ganz leise schleicht sich die Geschichte des Juden Hartmann dazu ins Spiel.
Der Roman entpuppt sich als scharfsinniger Krimi. In dessen Hintergrund die Judenverfolgung, die Flucht von Intellektuelle und das Lemming-Verhalten der breiten Bevölkerung steht. Genauso erfahren wir hier, was Menschlichkeit und Wohlanständigkeit bewirken können.
Wir erfahren, dass es sich lohnt für Dinge zu kämpfen, die einem wichtig sind.
So ist es z.B. die Schuhfabrik von Nancy Lenahan, die unbedingt vor ihrem Bruder in New York sein will, weil dieser versucht, sie aus der Firma zu drängen, Oder zu kämpfen für die Liebe, wie Diana Lovesey, die mit ihrem Liebhaber durchgebrannt ist und nun in Amerika mit ihm ein neues Leben beginnen will, gegen viele Widerstände.
Oder zu kämpfen für das Leben. Wie es der Baron Gabon, französischer Bankier, Jude und Fluchthelfer für den deutsch-jüdischen Atomphysiker Carl Hartmann, tut.
Ebenso lesen wir am Rande von einer russischen Adligen und einer amerikanischen Schauspielerin, die, wie alle anderen auch, ihre eigenen, persönlichen Gründe haben, aus Europa zu flüchten.
Der Clipper ist ein geschlossenes System, in dem soziale Regeln ihre Kraft verlieren. Das Buch ist eine Studie über Menschen in einer Extremsituation.
Folletts Sprache ist zugänglich, ohne simpel zu wirken und die Beschreibungen der stürmischen Atlantiküberquerung erzeugen eine klaustrophobische Spannung an Bord, und bei uns.
Das Entblättern der Identitäten, die Enthüllung der wahren Charaktere, sind es, was dieses Buch ausmachen. Eine Atmosphäre des Misstrauens, die so symptomatisch ist für die Vorkriegszeit. Wer ist Freund, wer ist Feind?
Etwas, das uns auch gerade heute wieder umtreibt.
Der Roman erinnert uns daran, wie schnell Zivilisation und Anstand unter dem Druck von Ideologie und Gewalt zerbrechen können.
Meine Lieben: Moral ist eine Entscheidung.
